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Jannik
TrauerJannik's GeschichteAbschied von JannikLied der Hoffnung

Abschied von Jannik

Es ist wirklich nicht leicht, ein Kind zu beerdigen.

Da kommt einfach ganz vieles zusammen.Es ist behördlicher Kram zu erledigen, und auch ganz viel privater.

Ich hatte immer im Auge, dass ich nur diese kurze Zeit habe, alles zu erledigen. Ich würde es mir später wohl kaum verzeihen, wenn ich irgendetwas unerledigt gelassen hätte.

Ich wollte das Gefühl haben, wirklich alles für mein Kind getan zu haben, was ich überhaupt tun konnte.

Ich hatte dafür ganz wenig Zeit.

Und vor allem zu gut wie keine Kraft mehr.

Das Wochenbett fiel natürlich aus – wie bei den meisten von uns.

Meine Schwester hatte mir schon auf dem Rückweg aus dem Krankenhaus das Buch von Hannah Lothrop auf den Rücksitz getan. Also haben wir wieder nicht geschlafen, sondern im Bett das Buch gelesen. Das ganze Buch.

Schon gegen Mittag kam der Anruf meiner Eltern mit einer wundervollen Nachricht: Der von ihnen eingeschaltete Bestatter hatte die Freigabe von Jannik erreichen können.

Ich war ungemein erleichtert.

Wie viel unnötigen Schmerz hatte es für uns gegeben, nur deshalb, weil man uns zunächst die Bestattung verwehrt hatte. Sind die in den Krankenhäusern, die doch viel mehr Erfahrung in diesen Dingen haben, wirklich so unwissend?

Warum auch immer man uns diesen überflüssigen Stein in den Weg gelegt hatte: Wir hatten es erreicht. Unser Jannik durfte bestattet werden.

Ich glaube, der erste Gedanke, der mir dann sofort in den Sinn kam, war der, dass ich dann auch endlich meinen Abschied, der für mich so unpassend unterbrochen worden war, nun doch noch zuende bringen könnte.

Meine Wünsche und Sehnsüchte waren dabei ganz klar und eindeutig. Ich weiß nicht, wo ich sie her hatte, es war als kämen sie ganz tief aus mir, als gäbe es nichts selbstverständlicheres auf der ganzen Welt.

Ich wünschte mir, mit meinem Kind in einem schönen Raum den Abschied nachzuholen. Solange ich wollte. Wenn es sein musste auch tagelang. In mir schwebte die klare Vorstellung, dass ich es schaffen könnte, an einen Punkt zu geraten, an dem ich endlich von mir aus mein verstorbenes Kind verlassen möchte. SO! sollte mein Abschied sein. Ich wollte gerne von mir aus loslassen und nicht aus almosenhaft hingegebenen kleinen Zeitspannen alles herausholen müssen, was rauszuholen war.

Aber so weit war es noch nicht.

Jannik würde nur freigegeben werden, wenn ich es schaffen könnte, noch am Tag der Entbindung eine Grabstelle auf einem Friedhof für ihn zu besorgen.

Ich hätte niemals gedacht, wie schwer es sein kann, ein einziges Telefonat zu führen. Wir lagen noch im Bett, und ich versuchte, die Auskunft anzurufen. Ich verwählte mich andauernd. Es war mir nicht möglich nur eine Ziffer so lange im Kopf zu behalten, wie man sie eben behalten muss, um vom Denken ins Handeln zu kommen. Ähnlich war es dann beim Aufschreiben der gewünschten Telefonnummer und beim erneuten Wählen. Ich half mir dann so: Ich sagte jede einzelne Ziffer der Telefonnummer laut vor mich hin, solange, bis ich sie eingetippt hatte. Das tat ich mit allen Ziffern. Und so lernte ich in meinem „Leben danach“ als erstes wieder zu telefonieren.

Im Gemeindeamt war man äußerst lieb zu mir. So wenig hilfreich alles für mich war, was in der „Stadt“ passierte, so herzlich und zuvorkommend war man dann bei uns auf dem Lande.

Ich führte hochangestrengt ein sonst doch einfaches Gespräch. Ich musste überhaupt nicht erklären, dass ich eigentlich gar nicht zum Reden aufgelegt war. Ich erklärte nur, dass ich eine kleine Grabstelle bräuchte. Und sofort hieß es :Ja, selbstverständlich. Auf die Frage hin, ob ich denn eine Sterbeurkunde hätte, erklärte ich, dass ich so etwas nicht hätte, weil mein Baby ja noch keine 500 Gramm gewogen hat. Aber, ich hätte ja die kleinen Fußabdrücke. Darauf antwortete mir die liebe Frau: “ Na, prime, dann nehmen wir halt die Fußabdrücke in die Akten“.

Ob sie wohl gespürt hatte, in welchem Zustand ich mich befand? An einer Sterbeurkunde hätte nun alles scheitern können, oder aber Probleme auftauchen, die ich einfach nicht hätte lösen können. Heute frage ich mich ernsthaft, wie dieses Problem letztendlich gelöst wurde. Ich habe es jedenfalls NICHT gelöst. Alles ging seinen Gang. Es gab keine Stolpersteinchen mehr. Vermutlich sollte ich wirklich einmal dort vorbeigehen, mich bedanken und dann mal nachhaken, wer das gedeichselt hat und wie.

Ich konnte immer noch nicht schlafen. So blieb ich im Bett, um mich wenigstens auszuruhen.

Ich las Hannahs Buch. Immer weiter. Ich hatte eine riesige Verantwortung zu tragen. Ich begriff sehr wohl, dass ich nicht die einzige war, die sich ihrem Schmerz hingab, die eine Lähmung erfuhr in einem vollkommen unbekannten Ausmaß. Nichts wollte ich mehr tun. Nichts konnte ich mehr tun.

Aber um mich herum trauerte meine Familie. Jeder auf seine Weise. Mein Mann schlief den Schlaf der gerechten und ich war , dafür war ich dankbar, denn ich war sehr in Sorge, wie er dies alles auf seine so männliche Art würde verarbeiten müssen. Nun wusste ich es: er schlief. Und ich war froh, das er für sich einen Weg gefunden hatte.

Unser Kilian hatte mir zur Begrüßung an den Bauch gegriffen und „Mama Aua“ gesagt. Also konnte er mit seinen knapp 2 Jahren schon spüren, was er nicht verstehen konnte –oder doch ? Er schlief fortan jede Nacht eng an mich gekuschelt und küsste im Schlaf immer wieder meinen Bauch. So verarbeitete er also.

Mein ältester konnte als fast Erwachsener schon sehr offen trauern, aber ich hasste mich dafür, dass ich nicht stark genug war, ihm so zu helfen, wie ich es mir gewünscht hätte.

Und unser 14 Jähriger ? Der demontierte seine Türklinke, verschwand in seinem Zimmer und ward nicht mehr gesehen.

So streifte ich dann den ganzen Tag immer mal wieder durch unser Haus trauerte, und schaute, wie die anderen trauerten. Es tat mir in der Seele weh, da einfach nur zuschauen zu müssen. Ich war unfähig, etwas zu tun. Meine Schuld wuchs ins unermessliche. Nicht mein Kind hatte sich aus dem Leben zurückgezogen, es war mein Körper, der ihm seine Lebensgrundlage einfach entzogen hatte. Ich war schuld daran.

Ich war auch schuld daran, dass meine ganze Familie, die gestern noch fröhlich und alltäglich durchs Haus rabotterte und gefangen war von einer unsichtbaren Wolke , die Fassungslosigkeit , Schmerz und Lähmung mit sich brachte.

Und, was war mit den anderen? Mit meinen Eltern, mit meiner Schwester? Wie hatten sie dies alles überstehen können, so kurz nach dem Verlust Dannys? Wie konnten unsere Freunde das verkraften? Auch daran gab ich mir die Schuld. Ich schwor mir, nie wieder jemandem so weh zu tun. Nicht mir, und schon gar nicht denen, die ich alle so sehr liebte.

Ich hasste mich dafür, was ich getan hatte. Und ganz besonders hasste ich meinen schrecklichen Körper dafür. Ich konnte mich nicht mehr anschauen. Ich mied den Spiegel wie einen Haufen Flöhe. Irgendwann schaute ich doch hinein. Ich wusste, was ich da sehe, das bin ich. Aber ich erkannte mich nicht wieder.

Am nächsten Tag musste ich unbedingt unter die Dusche. Ich hatte wohl gehört und gelesen, dass das manchmal nicht so einfach wäre. Im Spiegel hatte ich bisher nur mein Gesicht gesehen. Aber nicht meinen Körper. Das behielt ich übrigens für viele Wochen so bei. Ich ging also unter die Dusche, ließ die Tür zum Schlafzimmer offen, um im Notfall meinen Mann rufen zu können. Aber dazu kam es nicht.

Ich war vollkommen mit mir selbst beschäftigt. Während meine Hände das Duschgel über den Körper verteilten bekamen meine Finger Augen und ich konnte, musste mich doch ansehen. Eine leerer Bauch. Das war mir nichts neues. Schließlich hatte ich nach drei Geburten auch jeweils die Rückbildungszeit erlebt. So kurz nach der Entbindung mag man seinen Bauch vielleicht nicht ganz so schick finden, aber man würd ja entschädigt, für das, was da zauberhaft in der kleinen Wiege hinter einem liegt. Und diese schöne Kuschelzeit ist dann eben nicht gerade die Zeit der Frisörbesuche und schicken Klamotten.

Meine Wiege aber war leer. Dieser schreckliche Körper zum Mörder geworden. Und meine Hände begannen ihn anzuschauen. In der späteren Zeit habe ich mich dann an ihm gerächt. Ich duldete kein Gramm zuviel, trieb Sport bis zum Umfallen, und ging mit täglicher Gymnastik, viel zu früh eigentlich, gegen jede Erinnerung vor, die mit der glücklosen Schwangerschaft im Zusammenhang stand. Aber das kam erst später.

Es gab viel zu tun. Ich hatte viele Dinge zu erledigen und zu organisieren. Sonst bin ich ja eigentlich ein recht gutes Organisationstalent. Nun aber musste ich mich irrsinnig hart treten um erst mal durch diese Lähmung und den Schmerz zu kommen, der wie Kleister an mir haftete.

Ich hatte Hunger. Meine Familie vermutlich auch. Aber ich war nicht in der Lage, mir auch nur ein Brot zu machen. Ich wollte auch nicht essen, ich hatte überhaupt keinen Appetit, aber mein Verstand pochte irgendwo ganz hinten, durch all diesen Kleister hindurch, dass ich essen müsste, um bei Kräften zu bleiben. Für mich, für mein Kind, nein, für die Beerdigung meines Kindes. Die Beerdigung wurde zum neuen Focus, zum Kraftaufwand einerseits, zum Antrieb andererseits.

Wir wohnen bei uns mit vielen Freunden gemeinsam. Unser Haus ist eigentlich immer voll. Aber seit gestern war niemand mehr da. Wo blieben die eigentlich alle? Sonst kommt doch alle Nase lang jemand auf eine Tasse Kaffee vorbei, oder braucht mal was für den Haushalt. Und nun kam niemand mehr. Es schien, als miede man uns wie verseuchte Kröten in der Grube.

Also tat ich instinktiv etwas, was eigentlich wirklich eine gute Idee war: Ich ging vor die Tür, zu meinen Freunden und Nachbarn und machte klare Ansagen. Ich bat sie, immer mal wieder vorbei zu schauen bei uns und vor allem: Uns etwas zu essen zu machen.

Da merkte ich erst, wie unsicher alle waren. Wie wenig sie wussten, wie sie uns helfen können. Aber nun, nach dem ich meine Wünsche klar geäußert hatte, wusste wieder jeder, was zu tun hatte.

So waren wir nicht mehr allein. Und zu essen hatten wir auch. Ich war auch heilfroh, dass sich jemand um Kilian kümmerte, denn so sehr ich auch in dieser Zeit in ihn verliebt war, ich konnte mich einfach nicht richtig um ihn kümmern.

Meine Wünsche, mich in einem schönen Raum, vielleicht beim Bestatter, von meinem Kind zu verabschieden, lösten sich in Staub auf. Nichts ging so, wie ich es wollte. Es gab ein Hin und Her, ob Jannik denn nun ein richtiger Leichnam wäre oder nicht. Einen Leichnam darf man hierzulande nur unter bestimmten Bedingungen der Öffentlichkeit zugänglich machen, man darf ihn auch nicht einfach in einem Auto transportieren. Ich erspare euch hier die entnervenden Einzelheiten.

Eines aber kristallisierte sich langsam heraus. Bei all der Liebe und dem Verständnis was ich in meinem direkten sozialen Umfeld hatte, drangen aber auch von Ferne ganz andere Töne zu mir durch. Und die trafen mich mitten ins Herz, obwohl ich wusste, dass ich mich um solche unüberlegten Sprüche einfach gar nicht kümmern sollte.

So zog ich mich mehr und mehr zurück. Die Wut begleitete mich ständig. Und auch mein Misstrauen konnte ich nicht loswerden.

Ich befand mich auf einer Autobahn, die raste ich die Tage bis zur Beerdigung entlang, weigerte mich, auch nur einmal nach rechts uns links zu schauen. Wo ich Hilfe bekam nahm ich sie dankbar entgegen, wo ich auf Abneigung und Unverständnis stieß, da kappte ich die Seile.

Ich hörte auf, auf die Wünsche und Vorstellungen anderer Rücksicht zu nehmen. Ich konnte das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ich tat, was ich glaubte, dass es für mich das Richtige wäre. Meine Familie und meine Freunde halfen mir dann, dies auch umzusetzen.

Die ganze Zeit über, war ich als eine Hälfte bei uns zuhause, die dem Zeitpunkt der Beerdigung entgegenfieberte, der für mich ja Wiedersehen und Abschied zugleich sein sollte. Die Zeit war knapp und verging für die Vorbereitungen viel zu schnell. Meine andere Hälfte aber war bei Jannik geblieben. Irgendwo da in seinem Kühlschrank. Ich fror entsetzlich und die Zeit war einfach stehen geblieben. Eines Tages dachte ich, dieser Spagat meiner zwei Hälften würde mich auseinander reißen.

Eine meiner besten Freundinnen, die selbst dreifach betroffene Mutter ist, kam dann aus Österreich angereist. Mit ihrem Eintreffen kam dann Ordnung und Struktur in die ganze Vorbereitung.

Grabsteine und Birnbäume

Ich möchte nun wieder ausholen. Zurückgehen zu einer Zeit, in der meine Welt noch viel rosiger aussah.

Zu einer Zeit, als meine Schwester noch schwanger war und ich auch.

Damals hatte ich eines nachts einen schlimmen Traum. Ich träumte, dass meine Schwester und ich bei uns im Garten 2 Babys vergraben würden. Es war ein sehr realer Traum. Minutiös dargestellt. Es war ein heimliches Begräbnis und fand mitten in finsterer Nacht statt. Anscheinend durfte davon auch niemand weiteres erfahren. Also schickte ich einen meiner Söhne ins Dorf, um beim Tischler eine kleine Kiste zu besorgen. In diese legten wir dann unsere Kinder. Zusammen mit unseren Freundinnen hatten wir mit wunderschönen Spitzentüchern die kleine Kiste ausgeschmückt und die Babys ganz süß angezogen. Als das kleine, heimliche Grab dann zugeschaufelt wurde, hielten wir uns Hand in Hand.

Am nächsten Morgen war an genau dieser Stelle ein Birnbaum gewachsen. Ich schaute mich in meinem Garten um und fand noch mehrere Birnbäume. Jeder Birnbaum stand für ein großes, schlechtes Gewissen.

Diesen Traum hatte ich gut 6 Monate vor Janniks Geburt. Er war so real, dass ich ihn meinen Freundinnen erzählte, aber bald darauf hatten wir ihn schon wieder vergessen.

Er fiel mir erst dann wieder ein, als mein Mann wenige tage vor der Beerdigung in die Küche kam und sagte: In unserem Garten steht nun kein Birnbaum mehr. Ich habe ihn gerade aus Versehen mit dem Trecker umgefahren.

Peng, da erinnerte ich mich wieder. Ich erinnerte mich an die vielen Birnbäume, die in meinem Traum jeder für ein ganz großes schlechtes Gewissen standen. Und nun war keiner mehr da? Ich fühlte so etwas so Unerklärliches, was sich anfühlte wie Entlastung. Wenn es wirklich so etwas wie Schuld am Tode meines Kindes gab sollte das Verschwinden der Birnbäume dann vielleicht bedeuten, dass ich meine Schuld nun abgegolten hatte? Wenn ich wirklich etwas schlimmes getan hatte war mir dann verziehen worden ?

Heute, rückblickend, staune ich darüber, wie einem so die Phantasie durchgehen kann. Aber ich weiß auch, dass das vielen Menschen so geht, die mit dem Tod zu tun haben. Vielleicht tun wir das, um den Schmerz unserer Seele ein wenig zu lindern.

Ich jedenfalls erfuhr so ein kleines Stückchen Linderung. Und ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Ich nahm dieses kleine Geschenk in mich auf, wie ein verdurstendes Blümchen das lebensspendende Wasser.

Wir beschlossen, schon zur Beerdigung einen Grabstein aufzustellen. Eigentlich ist das so nicht üblich. Erstens dauert es ganz lange, bis so ein Stein angefertigt ist. Zweitens darf man ihn noch nicht gleich aufstellen, denn die Erde am Grab soll sich zunächst erst für ein halbes Jahr setzen.

Ich hatte aber die Geduld nicht. Ich wollte nach der Beerdigung alles abgeschlossen haben, auch die Sache mit dem Grabstein. Damals dachte ich, wenn ich das in einem halben Jahr erst tue, dann würde ich alle frisch vernarbten Wunden noch mal aufreißen müssen. Ich wollte ihn gleich setzen.

Ich entschied mich spontan für Holz. Also ging ich ins Dorf und bat unseren Tischler, aus einem Baumstamm einen kleinen Grabstein für Jannik zu fertigen. Er führte mich zu einem riesigen Lager und lies mich einen Stamm aussuchen. Der Stein war pünktlich fertig. Und genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, sehr authentisch und naturbelassen. Ich weiß gar nicht mehr genau, wer den Tischler dann fragte, was das denn für Holz sei.

„Ach, irgendein Obstbaum ist das“, sagte dieser; „es ist Birne!“.

Das war die Sache mit den Birnbäumen.

Ich hatte noch einen Wunsch

Ich wollte so gerne ein Seidentuch haben. Ein schön bemaltes. Das wollte ich dann zur Trauerzeremonie in der Mitte teilen. Eine Hälfte solle zu Jannik ins Grab, die andere wollte ich gern behalten. Eine Seidenmalerin aus unserem Dorf hat mir einige der Szenen daraufgemalt, die mir in den Kopf kamen, in dem Augenblick, als Jannik verstarb.

Wie schwer ist eigentlich so ein Sarg ??

Wir hatten ein echtes Problem. Bis zum letzten Werktag vor der Beerdigung hatte ich noch keine Lösung für die Frage: Wie kommt der Sarg bloß zum Friedhof.

Der Bestatter sollte den Sarg zu uns nach Hause liefern. Dann aber würde er wieder nach Hause fahren. Wie sollte dann aber der Sarg anschließend zum Friedhof überführt werden?

An dieser Diskussion erhitzten sich die Gemüter schon wieder.

Leichen dürfen nicht in privaten Fahrzeugen transportiert werden. Ich habe das aber nicht eingesehen. Zuerst hatte ich so viele Probleme, da ja mein Kind angeblich keine anerkannte Leiche war, und nun war es dann doch eine, nur damit man mir wieder einen Stein in den Weg legen konnte.

Es ist nicht zu glauben, was für lächerliche Probleme man in solch einer Situation haben kann.

Für mich aber war das nicht lächerlich. Und vor allem: ich hatte nicht die geringste Idee. Alles rief nach Pietät. Ich solle eine Firma beauftragen. Die Gartenbaufirma, die das Grab ausheben sollte, bot an, die Gartengeräte aus ihrem Bulli zu nehmen und einen kleinen Teppich für den Transport hineinzulegen. Anschließend könne man ja die Gartengeräte wieder zurücklegen. Sollte das Pietät sein?

Als nach Tagen noch immer keine Lösung in Sicht war, legte sich unser geliebter Pfarrer ins Zeug und sagte, dann würde er eben den Sarg zum Friedhof tragen. Und mir fiel wieder ein Stein vom Herzen.

Am liebsten hätte ich ihn selbst getragen, aber ich hatte Angst, der kurze Weg wäre dann doch zu weit, und ich würde an dieser Last vielleicht zusammenbrechen.

So hatte ich auch Angst, er könnte unserem Pfarrer zu schwer werden.

Am Ende kam alles ganz anders, als ich dachte.

Ich hatte so die Vorstellung, man würde mir den Sarg am Morgen der Beerdigung direkt frei Haus liefern, so wie bei einem Kühlschrank vielleicht, oder so ähnlich.

Stattdessen klingelte ein lieber, älterer Herr und führte mich zum Parkplatz.

Er öffnete die Tür des Leichenwagens und darin stand nun unser Jannik in seinem winzigen Sarg. Zu dieser Zeit war ich alleine zu Hause. Das hatte ich extra so eingerichtet.

Aber, nun wusste ich nicht mehr so genau, ob das so eine gute Idee war, denn ich fragte mich jetzt natürlich, wie denn der Sarg wohl ins Haus käme.

Ich fragte den lieben Mann: „Ist der Sarg sehr schwer?“.

Da blinzelte er sich eine heimliche Träne weg, griff nach dem winzigen Sarg und legte ihn mir in den Arm, wie ein Baby.

So hielt ich mein Kind. Ich hielt die Luft an. Wollte erst einmal abwarten , ob etwas schreckliches passiert, aber es passierte gar nichts. Und vor allem: Er war überhaupt nicht schwer.

Der liebe Mann fuhr fort.

Und ich trug meinen Sohn durch unseren Garten bis vor die Haustür. Und dann trug ich ihn über die Schwelle.

Dass das so kommen würde hatte ich vorher nicht im geringsten erwartet. Um so überraschter war ich, wie unheimlich gut es sich anfühlte, ganz ungeplanter weise, meinen Sohn über unsere Schwelle tragen zu können. Es fühlte sich absolut richtig an.

Ich trug ihn zum Turmzimmer.

Heike und ich hatten am Tage zuvor alles ganz schön gemacht. Als wir die Fenster putzten, da hatte ich das erste mal die Erfahrung, dass Trauer auch sehr, sehr friedlich , besinnlich und feierlich sein kann. Es war ein Moment, in dem ich mal nicht mehr gegen die Windmühlen kämpfen musste. Ich war in Vorbereitung dessen, was seit Tagen mein Ziel war. Und das tat unglaublich gut. So putzten wir die Fenster. Mir lief alles: das Blut, die Milch und die Tränen. Aber es ging mir zum ersten mal wieder besser. Ich bekam an diesem Nachmittag eine Ahnung davon, dass meine Trauer vielleicht irgendwann einmal, in weiter Ferne – auch erträglich werden könnte.

Wir machten alles ganz schnuckelig und sauber. Ich ging auf Fliegenjagd wie eine Besessene. Und am frühen Morgen der Beerdigung schnitt ich alle Rosen ab, die ich im Garten finden konnte.

Es war überhaupt ein sehr besinnlicher Morgen, an den ich mich gern erinnere. Es war so schön friedlich. Der Kampf lag hinter mir. Nun musste ich mich nur noch der Situation hingeben. Das war viel einfacher, als wütend zu sein und Mosaiksteinchen zu erstreiten.

In diesen Turm brachte ich Jannik.

Genau hier spielen unsere Kinder am liebsten.

Hier hätte auch er gespielt.

Ich fühlte mich gut dabei, genau diesen Ort ausgewählt zu haben.

Das erste was ich tat, war, mir all meine Ängste zu nehmen.

Nach den Vorfällen im Krankenhaus hatte ich viel Misstrauen entwickelt.

So musste ich unbedingt nachschauen, ob in diesem kleinen, so leichten Sarg auch wirklich mein Baby lag.

Also öffnete ich ihn.

Während ich diese kleine Messingschraube drehte und drehte, gingen mir noch einmal alle Warnungen durch den Kopf, die mich in der Zeit davor erreicht hatten. Ich war sogar schriftlich darauf hingewiesen worden, das in diesem Land ein Sargschluss eine öffentliche Amtshandlung sei, und dass niemand ihn danach wieder öffnen dürfe.

Aber ich war nicht mehr aufzuhalten.

Ich wollte einerseits Gewissheit. Andererseits wollte ich zu meinem Kind. Ich dachte in diesem Moment an die Tür zur Frühchenstation , auf der Kilian damals gelegen hatte. Sie war andauernd kaputt, weil die Muttis so ungeduldig auf den Summton zum Öffnen warteten, dass sie ganz unbewusst immer schon vorher daran gerüttelt haben.

Auch ich hatte ungeduldig an dieser Tür gerüttelt. Und nun rüttelte ich – sinngemäß – an einer ganz anderen Tür. Ich musste dieses letzte Hindernis, welches nun noch zwischen mir und meinem Kind lag, eiligst aus dem Weg schaffen.

Die Schraube quietschte ein wenig, aber schon einen kleinen Augenblick später war ich bei meinem Kind.

Ich fühlte mich, als sei ich endlich zu Hause angekommen. Dorthin, wo ich schon seit Tagen hin gehörte. Ich war bei Jannik.

Ich wusste, er war nun nicht mehr warm. So schön warm, wie er war, als sie ihn mir weggenommen hatten. Ich wusste, dass dieser Kühlschrank seine Spuren an meinem Kind zurückgelassen hatte. Also fasste ich es zunächst erst einmal vorsichtig an.

Die Kälte störte mich ungemein, machte sie mir doch unwiderruflich klar, dass in diesem süßen kleinen Körper jetzt absolut kein Leben mehr war. Ich bemühte mich, mich endlich damit abzufinden.

Als nächstes roch ich an meinem Kind. Zaghaft zuerst. Hindurch durch jahrzehnte alte Vorurteile und Gruselfilme, die in einer unauffindlichen Ecke meiner Seele schlummerten, schnupperte ich zunächst ganz vorsichtig. Und dann erkannte ich ihn wieder. Jenen unnachahmlichen Duft, an dem seit Menschengedenken die Mütter durch die Jahrtausende immer schon ihre Kinder wiedererkannt haben. Das war mein Kind. Ohne Zweifel. Und es war noch genauso unverdorben und rein, wie es unmittelbar nach der Entbindung gewesen war.

Alles , was nun kam, war getrieben aus tief in mir verankerten Muttergefühlen und Instinkten. Ich nahm mein Baby in die Arme, und fing sofort an, es zunächst aus der kleinen Decke zu wickeln Dann zog ich es aus, schaute nach, ob "noch alles dran" war, zog es wieder an, nahm es wieder in die Arme. Und dort blieb es.

Ich wiegte es in meinen Armen, ließ meinen Tränen nun endlich freien Lauf. Tat nun, was ich seit Tagen so gerne tun wollte. Ich zeigte Jannik seine Umgebung, das Haus , in dem er gelebt hätte. Und ich erzählte ihm noch alles, was ich ihm auf seinen weiteren Weg so gerne noch mitgeben wollte. Dabei küsste ich ihn immer wieder, in tiefer Dankbarkeit, dass der „Letzte Kuss von Einst“ damals in der Pathologie ja nun doch nicht der letzte gewesen war. Ich nahm diese Möglichkeit, mit meinem Kind zu Schmusen als ein weiteres Geschenk in mich auf. Das sind Augenblicke, bei deren Erinnerung ein tiefer Frieden in mich kehrt, wie eine wirkliche Hingabe an Ort, Zeit und Umstände. A Moment in Time. Ein kurzes, verliebtes Stück Ewigkeit, das sich für immer in mein Herz eingebrannt hat, fester und tiefer noch als der Märchenprinz meiner Jugendzeit, ebenso unvergesslich, wie alle meine Kinder.

Es war eine lange Zeit – und gleichzeitig war sie auch schon wieder viel zu kurz.

So langsam kamen auch meine Bauchschmerzen zurück. Bald würden alle wieder nach Hause kommen, der Pfarrer würde kommen, der engste Familien- und Freundeskreis. Und mit jeder Minute würde ich mich dem Unweigerlichen entgegenbewegen. Der letzte Abschied würde kommen. Die Uhr tickte und bald würde die Beerdigung stattfinden.

Was die wohl mit mir anstellen würden, wenn ich noch um einen einzigen Tag Aufschub bitten würde? Würde ich vielleicht auch noch meine letzten Freunde verlieren, weil es schlichtweg jede Toleranz und Verständnisfähigkeit übersteigen würde, wenn ich jetzt sagte: „Alle wieder nach Hause, das Ganze wird auf unbestimmte Zeit verschoben“?. Würde man mich zu guter letzt doch noch einsperren? Weil ich noch nicht soweit bin. Weil dieser nächste letzte Kuss mir immer noch zu früh sein wird?

Schon beim ersten Klingeln war der Zauber dahin. Ich funktionierte wieder wie in den letzten Tagen und fügte mich dann doch den Gegebenheiten. Ich brüskierte niemanden. Ich tat, was von mir erwartet würde.

Heute wünschte ich, ich hätte es getan. Hier und jetzt, wo ich diesen Frieden wieder zurück erinnern kann, da finde ich, dass es eigentlich mein gutes recht hätte sein sollen, solange von meinem Kind Abschied zu nehmen, wie ich wirklich brauche. Schon in den Tagen vor der Beerdigung stellte ich mir oft vor, wie es wäre, wenn Jannik in der Zwischenzeit nicht im Kühlschrank einer Pathologie gelegen hätte, sondern bei uns im Turm.

Vermutlich wäre ich die ersten Tage nicht von seiner Seite gewichen. Aber ich konnte auch jeden Tag mehr und mehr spüren, dass ich, hätte ich die Zeit mit ihm bei uns verbracht von mir aus, von ganz allein dann losgelassen hätte. Ich hätte mich so vollgestopft mit kleinen Erinnerungen und Geschichten, dass dann irgendwann ein ganz gesunder Punkt gekommen wäre, an dem wäre ich aufgestanden, und hätte mein Baby weiterziehen lassen. Bis heute glaube ich daran, dass man mit seinem Abschied auch wirklich mal zum Ende kommen kann. Seit Urzeiten müssen Menschen mit dem Tod umgehen. Da muss es dann auch so etwas wie einen Schutz geben, eine Art Mechanismus, der uns dann hilft, mit unserem Schicksal fertig zu werden. Und ich glaube, dass diese Hilfe kommt, wenn man so instinktiv wie es nur geht in solchen Situationen lebt.

Aber ich hatte keine Kraft, meine Instinkte auch noch durchzukämpfen. Immerhin hatte ich vieles erreicht, und das darf man wirklich einen Kompromiss nennen. Ich schreibe dies hier nur so, weil ich es in dieser zeit, die ich mit meinem Kind allein hatte, so ganz deutlich spüren konnte. So als wäre dieser Abschied meiner Träume ein Lebensgesetz.

Ob das wirklich so ist, das werden wir wohl niemals herausfinden, solange in unserer Gesellschaft das Sterben und den Tod mit Amtshandlungen und Rechtsparagraphen im Vordergrund bestückt.

So fand dann die Trauerzeremonie statt. Im Kreise der engsten Familie und Freunde. Im Kreise ist hier fast wörtlich zu nehmen, denn wir hielten uns alle bei den Händen und bildeten einen Kreis.

Die Frage, wie denn der Sarg zum Friedhof, erledigte sich dann auch von selbst. Mein Mann fand, ich hätte unser Kind ins Leben getragen, da wäre es wohl selbstverständlich, dass er es zu Grabe tragen würde. Er war sich sicher, dass der Sarg ihm nicht zu schwer werden würde, und nachdem ich ihn ja selbst über unsere Schwelle getragen hatte, konnte ich ihm das auch endlich glauben.

Es war der Tag eines Sommerregens. Es schüttete aus Eimern. Wie passend. Stilistisch passte es wirklich viel besser, als der laue Maitag, den ich mir gewünscht hätte. Alles lief, das Blut, die Milch, die Tränen. Und nun regnete es auch noch. Ich musste darüber dann doch schmunzeln. Wir sagten also auch ja zum Regen. Dann nahm mein Mann den kleinen Sarg und wir gingen zum Friedhof.

Auch hier waren wir wieder ein geschlossener Kreis. Das tat so gut. Ganz in der Nähe schläft Kilian in seinem Kinderwagen. Wenn er später größer wird, dann werde ich ihm sagen können, er wäre dabei gewesen.

Ein letzter Kuss

Wie oft hatte ich meinem Kind nun schon den letzten Kuss gegeben. Im Kreissaal. Dann in der Pathologie. Und dann noch bei uns zu Hause den allerletzten.

Aber, als die Helfer dann den kleinen Sarg in diese Grube hinunter ließen, da wollte ich dann plötzlich doch noch einen Kuss haben. Einen wirklich aller- aller letzten. Also bat ich nach der halben Strecke darum, Janniks Sarg noch einmal hoch zu ziehen. Ganz kurz nur.

Und dann hauchte ich meinem Kind den allerletzten Kuss auf seinen kleinen Sarg.“ Tschüss, mein Sohn“

Ich hatte in Hannahs Buch gelesen, man könne, wenn Kinder an einer Beerdigung teilnehmen, Luftballons aufsteigen lassen. Dadurch würde dann klar werden, dass die kleine Seele nun dem lieben Gott übergeben wird. Es entpuppte sich dann aber als so kompliziert, dass wir uns dafür entschieden, weiße Tauben auffliegen zu lassen.

Es waren zwei weiße Tauben.

Eine für Danny.

Und eine für Jannik.

Meine Schwester und ich ließen sie fliegen.

Ganz weit nach oben.

Bis in den Himmel der Sternenkinder.